Zu viel Drill, zu wenig Kreativität

Der Wissenschaftsjournalist und Hochschulprofessor Harald Lesch vermittelt im Fernsehen und im Hörsaal komplizierte Naturphänomene in einfacher Sprache. Im Interview erklärt er, wie Lehrer ihre Schüler für Naturwissenschaften begeistern können, den Nutzen der Physik in Science-Fiction-Filmen und welche Fächer man in Zukunft studieren sollte
Foto: Silke Weinsheimer | 2013/2

Bildungsthemen: Was hat Ihr Interesse an den Naturwissenschaften geweckt?

Harald Lesch: Weltraumfahrt. Ich bin hin­eingewachsen in die Zeiten, als die Ame­rikaner und auch die Russen große Pro­jekte in der Weltraumfahrt hatten. Das war für mich so der Anstoß. Ich habe ziemlich früh angefangen, alles Mögliche aus Zei­tungen auszuschneiden über die Raketen, und dann ist Armstrong auf dem Mond gelandet und da war völlig klar, es muss et­was mit Weltraum sein.

Die MINT-Fächer sind bei den meisten Schülern nicht unbedingt die beliebtesten Fächer. Können Lehrer ihrer Meinung nach etwas tun, um die Schüler mehr zu begeistern?

Das kommt natürlich auf die Jahrgangs­stufe an, also reden wir von der Zeit vor der Pubertät oder danach? Im fünften und sechsten Schuljahr passiert noch etwas, später wird es schwierig. Man sollte Jungs Sport machen lassen, Musik, man sollte sie immer in Wettbewerbe hineintreiben, das ist das, was das Gehirn dann braucht, bloß keinen Mathematikunterricht. Diese Gehirne brauchen dringend etwas, wo sie sich austoben können, bevor sie wieder voll funktionstüchtig sind.

Aber für einige Jahre den Unterricht aussetzen? Ist das sinnvoll?

Man kann ja zum Beispiel an den briti­schen Eliteschulen sehen, was guter Un­terricht ist, um gerade Jungs in einem ge­wissen Alter in der Schule auf einem be­stimmten Niveau zu halten. Die haben nämlich nachmittags Rudern, Theater, Musik. Also alle diese Fächer, die gerne et­was vernachlässigt werden. Die wichtigen Fächer in der Schule sind Kunst, Sport und Musik. Da wird Kreativität, da wird die Lust am sich Austoben stimuliert und ge­nau diese Lust braucht man auch bei den MINT-Fächern. Es hat überhaupt keinen Sinn, die Schulausbildung so überzuakademisieren, weil wir mit jungen Menschen zu tun haben, die sich entwickeln.

Aber wie weckt man die Lust an und das Interesse für die Naturwissenschaften?
Wenn ich zum Beispiel in der Schule das Projekt mache ‚Die Physik von Science-Fiction-Filmen‘ dann klingt das doch ganz anders, als wenn ich sage: ‚Das geht hier um Physik.‘ Darauf hat keiner Lust. Science Fiction ist klasse, Filme sind gut. Und dann kann man anfangen, mit den Schülern zu spekulieren. Kann jemand mal vorrechnen, welche Temperatur man braucht, um jemanden zu beamen? Oder kann man sagen: ‚Ich will doch kein Spie­gelei und drücke das jetzt aus der Pfanne wieder zurück in die Schale.‘ Geht so et­was? Naja, geht irgendwie schon, ist aber ein tierischer Aufwand. Scheint aber in den Science-Fiction-Filmen überhaupt kein Problem zu sein. Vor allen Dingen ist es hilfreich, Mathematik als Instrument zu verwenden, mit dem man gewisse Fragen klären kann. Zum Beispiel: Wie hoch muss die Temperatur auf einem Planeten sein, damit Wasser flüssig ist? In dem Moment, wo Sie Zahlen ins Spiel bringen, machen Sie ja schon Mathematik und das brau­chen die Schüler gar nicht mitzukriegen.

Das klingt aber sehr abstrakt und scheint wenig praktischen Nutzen zu haben ...

Ich rate den Lehrern immer Leute einzu­laden, die damit täglich zu tun haben. Die Schüler sollen mit Leuten reden, die jeden Tag Mathematik brauchen. Dann sehen sie nämlich, Mathematik wird tatsächlich benutzt. Das ist keine Erfindung von je­mandem, der den Unterricht entwickelt, sondern man braucht das wirklich. Als Bo­denleger muss man ausrechnen können, wie groß eine Fläche ist, und das ist nicht nur auf einem Übungsblatt. Der muss ja wissen, wie viel Quadratmeter lege ich denn jetzt hier hin? Oder wenn man durchs Kaufhaus geht und auf dem Schild steht: Jetzt 30% billiger. Aber 30% von was? Und wie rechne ich das aus? Die Schüler sollen erkennen, die Welt da draußen ist zwar kompliziert, aber ein paar Sachen kann man gut ausrechnen. Solche Sachen würde ich im Unterricht viel mehr machen.

Also Tipps für den Alltag?

Ja, ladet euch Handwerker ein! Die Kinder auf dem Gymnasium sollten lernen, dass Handwerker eine hochgradig wichtige Be­rufsgruppe sind, die für unseren Alltag viel­leicht viel wichtiger ist, als all die ganzen Schreibtischjobs, die es gibt. Und dass die­se Leute ganz konkrete mathematische Pro­bleme lösen, ob das nun das Gewinde ist, das man braucht für eine bestimmte Schraube, oder die Berechnung des Drucks, den ein be­stimmtes Rohr aushalten muss. Dieser Pra­xisbezug ist extrem wichtig, denn das ist die einzige Möglichkeit, Kinder zu motivieren, sich mit den Fächern zu beschäftigen. Die ganzen theoretischen Motivationsüberlegungen, gehen meiner Meinung nach völ­lig an der Wirklichkeit vorbei.

Was kritisieren Sie da genau?

Naja, zum Beispiel die Entwicklung des Mathematikunterrichts an deutschen Schulen. Viel zu wenig Kopfrechnen, viel zu wenig Prozentrechnen. Die elementa­ren Rechenoperationen werden nicht mehr unterrichtet, stattdessen irgend so ein abgespacetes Zeug über Mengenlehre, das kein Mensch wirklich braucht. Es wird nicht genügend Geometrie gemacht, räumliche Orientierung wird viel zu we­nig gemacht, dafür viel zu viel Algebra. Das braucht kein Mensch. Da steckt viel zu viel Drill dahinter, zu wenig Kreativität. Projekte muss man machen mit den Schülern, das ist das, was bei den MINT-Fächern am ehesten dazu führt, dass Kin­der und Jugendliche sich mit dem Thema auseinandersetzen.

Was für Projekte schlagen Sie denn vor?

Ich habe zum Beispiel mit einer zehnten Klasse ein Projekt zum Thema Energie­wende gemacht. Jedem wurde eine Art von Energiefreisetzungsmechanismus zugeteilt und er sollte dazu mit einem Praktiker ein Interview führen. Die hatten bis dahin mit Physik nicht viel am Hut, mit Mathe auch nicht, aber dann standen sie an einer Biogasanlage oder haben sich mit jemandem unterhalten, der Windräder baut. ‚Warum hat unsere Gemeinde kein Windrad?‘, ha­ben sie den Bürgermeister dann gefragt. Die Schüler sind in verschiedene Bereiche dieses Themas eingetaucht und mussten dann darüber berichten und zeigen, wie das funktioniert und worum es geht. Da­vor hatten sie zuerst Angst, aber sie haben es geschafft. Sie sind zu kleinen Experten geworden. Die Krönung des Ganzen war, dass dann auch noch Schüler aus den höheren Klassen kamen, und ich werde nie vergessen, wie eine Schülerin zu mir sag­te: ‚Oh Gott Herr Lesch, die sind doch aus der 11. und 12., die haben doch viel mehr Ahnung.‘ Da hab ich gesagt: ‚Nichts da, ihr seid die Experten.‘ Das ist natürlich ziem­lich idealisiert, weil die meisten Lehrer so ein Projekt über das Schuljahr wahr­scheinlich nicht durchkriegen, aber solche Situationen zu erzeugen, dass Lob über Kinder ausgegossen wird, und nicht nur so: ‚Ja, das war schon mal ganz gut, 3 minus.‘ Sondern richtiges Lob: ‚Das habt ihr toll gemacht, das ist richtig große Klasse.‘ Und sie können wahnsinnig viel Lob verteilen, das kostet Sie nichts. Und jede Person, die gelobt wird, wird es sehr schätzen.

Man sollte also das Selbstbewusstsein stärken?

Ja, vor allem dieser ganz starke, hand­werkliche Charakter, davon bin ich über­zeugt, ist eine extrem wichtige Eigenschaft, die man erwerben sollte. Das man nicht nur etwas werden will, sondern dass man auch etwas kann. Eine Kunst können, et­was wirklich richtig gut machen, das ist so motivierend, da ist es völlig egal, was man da kann. Ob man nun Querflöte spie­len kann oder Holzpferde schnitzen oder was auch immer. Ihr wollt diese Fähigkei­ten in eurem Betrieb haben? Das kann ich. Und nicht schon von den Jugendlichen fordern, dass sie Experten auf allen mög­lichen Gebieten sind.

Sie meinen der Leistungsdruck ist heute zu stark?

Auf jeden Fall. Wenn ich sehe, was meine Studenten heute alles so für Qualifikatio­nen erwerben, da bin ich ganz erschüttert, was die zumindest auf dem Papier schon hinter sich gebracht haben. Die haben schon drei Sprachkurse gemacht und noch zehn zusätzliche Seminare in Betriebs­wirtschaftslehre belegt, falls sie später in die Industrie wechseln wollen, und haben drei Auslandssemester hinter sich, haben sich mit irgendwelchen Stiftungen rumge­schlagen. Ja du großer Gott! Die können sich gar nicht vorstellen, dass man einfach an einem Platz bleibt und erst einmal rich­tig gut etwas lernt.

Welche Studienfächer haben für Sie die besten Zukunftsaussichten?

Heute sollte man natürlich etwas im Be­reich der erneuerbaren Energien an der Fachhochschule studieren. Das halte ich für absolut zukunftsweisend. Die Ener­giewende ist schon jetzt das Thema, ganz klar. Alles was dazugehört, auch der Über­gang der Mobilität weg von den fossilen Stoffen zu Motoren, die so sparsam sind, wie wir es uns heute noch gar nicht vor­stellen können.

Dann sollte man dabei sein, wenn sich die Landwirtschaft in Deutschland verän­dert, hin zu einem viel stärkeren Bioanbau. Der Ausbau von Infrastruktur im aller-weitesten Sinne wird uns beschäftigen. Wo­bei der Ausbau vielleicht noch nicht mal das richtige Wort ist, sondern die Reno­vierung unserer Infrastruktur wird wich­tig werden. Also Brückenbau-Ingenieure werden gebraucht werden, denn wir haben viele Brücken, die renoviert werden müs­sen. Also, in Zukunft gibt es für Ingenieu­re viel zu tun. Fast egal in welchem Be­reich.

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Harald Lesch ist seit 1994 Professor am Institut für Astronomie und Astrophysik an der Univer­sitätssternwarte der Ludwig-Maximilians-Universität München und unter­richtet Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie München. 2012 wurde er zum Hochschullehrer des Jahres gewählt. Einem breiteren Publikum ist er durch verschiedene Wissenschaftssendungen, aktuell bei „Leschs Kosmos“ im ZDF bekannt.

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