Tipps vom Profi: Weltoffenheit und interkulturelle Kompetenz im Klassenzimmer

Prof. Dr. Dieter Spanhel über interkulturelle Kompetenz
Foto: Phorms Education SE | 2017/1

Was kennzeichnet interkulturelle Kompetenz?

Menschen mit interkultureller Kompetenz verfügen über Kenntnisse fremder Spra­chen, Kulturen und Lebensstile. Sie kennen die Wirksamkeit von Vorurteilen und die Formen von Ausgrenzung anderer. Sie haben die Fähigkeit zur Selbstdarstellung und zum Aushalten von Widersprüchen und besitzen Einfühlungsvermögen und Frustrationstoleranz. Interkulturelle Kompetenz setzt den Aufbau einer eigenen kulturellen Identität voraus. Diese beruht auf dem Entdecken, Verstehen, Wertschätzen und Mitgestalten der eigenen Kultur. Sie gibt Selbstsicherheit und befähigt erst zu einem offenen Umgang mit fremden Kulturen. Das Problem der kul­turellen Vielfalt liegt nicht in der Fremdheit der Anderen, sondern in dem „Fremd­machen“ und „Fremderleben“ der An­de­ren, in ihrem Abgrenzen und Ausschließen als Schutzmechanismus zur Sicherung der eigenen Gruppe.

Wie können Weltoffenheit und interkulturelle Kompetenz in der Schule gefördert werden?

Die Schule muss sich zu einem offenen Lebens-, Erfahrungs- und Begegnungsraum entwickeln. Im Zentrum steht eine Kommunikationskultur, die gewaltfreie Interaktionen, nicht wertendes Verstehen und gelingende Verständigung ermöglicht. In den offenen Räumen im Schulalltag sind nicht nur die Pflege und Bewusstmachung der eigenen Kultur, sondern auch vielfältige Begegnungen mit fremden Kulturen wichtig. Dann ergeben sich Gelegenheiten zum dialogischen Lernen, bei dem sich die Schülerinnen und Schüler als eine „community of mutual learners“  erfahren. Dabei werden sie zum Perspektivenwechsel herausgefordert und können erkennen, dass Kulturen symbolisch konstruiert sind und je nach Standpunkt auch unterschiedlich konstruiert werden. Voraussetzung für eine solche Schulkultur der Offenheit ist die Einigung aller Beteiligten auf grundlegende gemeinsame Normen und Regeln für die Gestaltung des Schulalltags.

Wie können sich Schülerinnen und Schüler im Klassenraum mit kultureller Vielfalt auseinandersetzen?

Kulturelle Vielfalt spiegelt sich in den Geschichten und Erzählungen der Schülerinnen und Schüler wider, in denen sie ihre unterschiedlichen kulturellen Erfah­rungen, Sitten, Gebräuche und weltan­schaulichen Überzeugungen aus ihren Her­­­kunftsfamilien ausdrücken. Diese Form des Erzählens und des Austausches muss im Schulraum gefördert werden, damit die Kinder interkulturell kompetent werden können. Besondere Gelegenheiten bietet dafür die Hinwendung zu Sprache, Literatur, Geschichte, Kunst, Musik, Medien und Theaterspiel. Zur aktiven Teilhabe an der Gestaltung dieser Kommunikationsprozesse können die Unterrichts-, Arbeits- und Projektergebnisse von den Schülerinnen und  Schülern selbst dokumentiert, präsentiert und diskutiert werden. Weitere Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit kultureller Vielfalt bieten sich durch die Pflege einer lebendigen Schulgemeinschaft unter Einbezug aller, durch demokratische Mitwirkung, vertrauensvolle Zusammenarbeit, Feste und  Schulveranstaltungen an. Besonders motivierend ist es für die Kin­der, wenn sie an der Gestaltung des lokalen kulturellen Erbes in Projekten mit Künstlern, Musikern, Museen, Theatern, Bibliotheken oder sozialen Einrichtungen mitwirken können. Schließlich ist auch die Ausweitung der Geschichten und Erzählungen auf Europa und die Welt, beispielsweise über die Medien, beim Erlernen von Fremdsprachen oder beim Erfah­rungsaustausch über Auslandsaufenthalte ein wirkungsvolles Mittel, um die inter­kulturelle Kompetenz von Kindern zu entwickeln.

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Literatur:

“Vielfalt unterstützen – Vielfalt leben: kulturelle Identitätsförderung in inklusiven Klassen“ von Ursula Bertels, Tania Krüsmann, Katharina Norrie

„Interkulturelle Bildung und Erziehung in der Schule“, Kultusminister Konferenz
www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/Themen/Kultur/1996_10_25-Interkulturelle-Bildung.pdf

 „Der Aufbau interkultureller Kompetenz“ von Dieter Spanhel
www.spanhel-prof.de

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Prof. Dr. Dieter Spanhel,

bis 2005 Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Erlangen-Nürnberg. Publikationen zu Lehrerhandeln, Evaluationsforschung, Medienpädagogik und Medienbildung: www.spanhel-prof.de

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2017/1
Autor: Antonia Seifert | Collagen: Martin O'Neill