Machst du MINT?

Nicht jeder muss ein Genie sein, aber die Politik klagt über mangelnde Nachwuchskräfte im naturwissenschaftlich-technischen Bereich. Doch wie kann man Kinder und Jugendliche für diese Fächer begeistern und gewinnen?
Autor: Silke Brandt | Foto: Silke Weinsheimer | 2013/2

Die MINT-Fächer, also Mathe, Infor­matik, Naturwissenschaften und Technik, stehen auf der Beliebtheitsskala der meis­ten Schüler nicht besonders weit oben. Trotzdem sind die Helden in der zurzeit erfolgreichsten TV-Comedy Serie Natur­wissenschaftler: Experimentalphysiker, theoretischer Physiker, Astrophysiker, Raumfahrtingenieur. In „The Big Bang Theory“ sind diejenigen die Stars, die früher Streber hießen und heute Nerds. Serien oder Filme, in denen Naturwis­senschaftler im Zentrum der Geschichte stehen, gibt es immer mehr. Die Einzel­gänger von einst wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, Google-Gründer Larry Page oder Bill Gates, sie alle sind heute fast so etwas wie Popstars. Auch der Klei­dungsstil der Nerds ist in der Mode an­gekommen: Armbanduhren mit Digi­talanzeige und eckige Hornbrillen sind in und längst kein Zeichen mehr dafür, dass sich jemand nur für Formeln, Ta­schenrechner & Co. interessiert. Natur­wissenschaftler und Forscher als neue Helden?

Das passt so gar nicht zu dem düsteren Bild, das die Politik heute malt: Fachkräf­temangel im MINT-Bereich. Obwohl die Zahlen leicht gestiegen sind, gibt es immer noch zu wenig Studenten, die sich für Fächer im natur- oder ingenieurswissenschaftlichen Bereich entscheiden. Auf der Webseite der Initiative „MINT-Zukunft schaffen“ unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel steht: „Der Wirtschaftsstandort Deutschland ist gefährdet durch den Mangel an Nach­wuchs in den MINT-Qualifikationen. Der Engpass an naturwissenschaftlich-tech­nisch qualifizierten Fachkräften ist ein strukturelles Problem, das heute schon als Wachstums- und Innovationsbremse ei­nen hohen Wertschöpfungsverlust für die deutsche Volkswirtschaft verursacht – mit steigender Tendenz.“ Das klingt nicht gut. Es scheint mittlerweile aber eine kaum zu überblickende Masse an Initiativen von Stiftungen, Wissenschaftseinrichtungen, Fachverbänden und Hochschulallianzen zu geben, die versuchen, dieses Problem zu beseitigen.

„Komm, mach MINT“ ist eine von die­sen Online-Initiativen, die als Zielgruppe Frauen im Blick hat. Denn noch immer gibt es zu wenig Frauen in naturwissen­schaftlich-technischen Studiengängen und Berufen. Ihr Anteil soll künftig noch stär­ker gefördert werden. Dafür gibt es auch schon mal etwas ungewöhnliche Ansätze. Das Forschungsprojekt „Berufsorientie­rung im Unterhaltungsformat“, an dem sich Wissenschaftler verschiedener Ein­richtungen, darunter die TU Berlin, be­teiligten und das vom Bundesfor­schungsministerium und dem Europäi­schen Sozialfonds gefördert wurde, kam zu dem Ergebnis, dass Spielfilme und Se­rien junge Menschen bei der Berufswahl durchaus inspirieren - und zwar mehr als der Schulunterricht. Was in den USA schon länger funktioniert, soll nun auch in Deutschland versucht werden. Mit dem ‚MINTiFF‘-Netzwerk (Mathematik, Infor­matik, Natur- und Technikwissenschaften und Chancengleichheit im Fiction-For-mat) soll die Darstellung von Wissenschaft in fiktionalen Fernsehformaten gestärkt werden. Auf der Webseite heißt es dazu: „Charismatische Frauenfiguren werden zum motivierenden Berufsrollenvorbild junger Frauen und lösen einen Run auf die entsprechenden Studienfächer aus. Das Projekt MINTiFF an der TU-Berlin setzt genau hier an: Welche Chancen bieten Spielfilme und Serien, das Desinteresse jun­ger Frauen an naturwissenschaftlich-tech­nischen Berufen aufzubrechen und natur­wissenschaftlich-technische Forschungs­leistungen von hoher sozialer, ökologischer und gesellschaftlicher Relevanz breiten Pu­blikumsschichten näherzubringen?“

Deshalb taucht auch immer wieder die Frage auf, ob es sinnvoll ist, Jungs und Mädchen für einige Jahre in den MINT-Fächern getrennt zu unterrichten. Kön­nen sich Jungs und Mädchen besser in naturwissenschaftliche Themen vertiefen, wenn sie getrennt unterrichtet werden? Argumente dafür oder dagegen gibt es viele. Einige Kritiker der Koedukation meinen, Mädchen könnten sich mutiger und stressfreier am Unterricht beteiligen, wenn der Unterricht ohne die männli­chen Altersgenossen stattfindet. Befür­worter meinen, es käme eher darauf an, wie der Lehrer oder die Lehrerin mit den Rollenbildern im Unterricht umgeht. Zu diesem Thema lesen Sie ab Seite 20 Mei­nungen von zwei Experten.

Aber ist der Schulunterricht im MINT-Bereich der einzige Grund für den zukünf­tigen Fachkräftemängel und gibt es noch andere Möglichkeiten, um junge Menschen für Naturwissenschaften zu be­geistern? Eine Möglichkeit ist, das In­teresse an den Fächern schon so früh wie möglich, also im Kindergarten, zu wecken. Dazu gibt es mittlerweile in al­len Bundesländern Bildungspläne für die Kindertagesstätten. Schon die ganz Klei­nen sollen durch gezielte Programme an die Naturwissenschaften herangeführt werden. Eine dieser Initiativen und deutschlandweit das größte Projekt ist das „Haus der kleinen Forscher“, das auch vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Mit klei­nen Experimenten lernen die Kinder Na­turphänomene kennen und verstehen. Doch das Projekt stößt auch auf Kritik. Der Neurobiologe und Hirnforscher Prof. Gerald Hüther kritisiert, das Pro­jekt gehe an der Erfahrungswelt der Kin­der vorbei. Wenn Kinder in eine be­stimmte Richtung gelenkt würden, ma­chen sie die Erfahrung, dass es auf ihre eigenen Ideen gar nicht ankommt. So lasse langfristig auch der Spaß am Ent­decken nach. Auch Dr. Salman Ansari, promovierter Chemiker und Experte im Bereich naturwissenschaftliche Erzie­hung, sieht diese Form der Frühförde­rung skeptisch. Im Interview ab Seite 16 haben wir ihn dazu befragt.

Sind die Kinder in der Schule, geht es nicht mehr bloß darum, das Interesse an den MINT-Fächern zu wecken und zu stärken. Dann geht es vor allem auch darum, Wissen zu vermitteln, das für die Allgemeinbildung und das akademische Vorankommen Voraussetzung ist. Häu­fig wird den Schülern im Chemie-, Phy­sik- oder Mathematikunterricht gar nicht richtig klar, wozu das Gelernte von Nutzen sein kann. Die bloße Theorie scheint in der Praxis nicht wirklich an­wendbar zu sein. Dagegen hilft projekt­bezogener Unterricht. Das ist natürlich keine Neuigkeit und auch kein Geheim­nis mehr. Trotzdem ist es für Lehrer und Pädagogen oft eine große Herausforde­rung, Projekte in den Unterricht zu in­tegrieren, wenn doch der Stoff in der vorgegebenen Zeit vermittelt werden muss. Dass das aber doch gelingen kann, zeigen zum Beispiel einige Projekte an Phorms Schulen.

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Autor: Marie Schütz | Foto: Andrea Usison